Orte der Demokratisierung

Ich bin nach mehr als zwanzig Jahren letzten Herbst zurück ins Ländle gezogen und seit drei Jahren suche ich mir zum Vergnügen Projekte, die ich in meiner Freizeit verfolgen kann. Da sich das Jahr 1848 mit seinen erinnerungswürdigen Ereignissen und Entwicklungen jährt und die Badischen Orte der „Revolution“ von 1848/49 im weiteren Umkreis der Haustüre liegen, war das Projekt geboren.

Bei einer ersten Internetsuche stieß ich auf die „AG Orte der Demokratiegeschichte“ und deren Karte Deutschlands, auf der diese Orte eingetragen sind – also ein guter Leitfaden für mein Projekt. Zugleich eröffent die Karte die Möglichkeit Orte außerhalb der Südlichen Pfalz und Baden-Württembergs aufzunehmen, etwa das Büchnerhaus in Riedstatt-Goddelau (Hessen).

AG Orte der Demokratiegeschichte

Was sind nun Orte der Demokratiegeschichte? Die AG gibt folgende Erläuterung:

„Demokratiegeschichte untersucht historische Ereignisse, Prozesse, Organisationen und Institutionen, in denen Individuen und Gruppen um die Verwirklichung von Grund- und Menschenrechten, Mitbestimmung, freien Wahlen und Parlamentarismus, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit in Staat und Gesellschaft gerungen haben – egal ob die konkreten Bemühungen im Einzelfall von Erfolg gekrönt waren oder nicht. Orte der Demokratie-geschichte sind dann physische oder symbolische Orte, an denen die Erinnerung an diese Demokratiegeschichte kristallisiert.“

Orte der Demokratiegeschichte – Eine Deutschlandkarte

Diese sehr weite Definition und der große Zeitraum von den Bauern-kriegen bis heute führt zu einer so große Menge an Orten, dass die Karte im weiteren Verlauf des Projekts vermutlich ganz rot eingefärbt ist. Die Frage, ob diese dann noch einen Aussagewert hat, muss gestattet sein. Da ich meinen Fokus auf die Revolution 1848 und damit auf den Prozess des Ringens um die Demokratie lege, scheint mir der Begriff Demokratisierung passender. Dieser Kampf für die Demokratie, den die AG betont, kann sowohl innerhalb als auch außerhalb einer Demokratie stattfinden. Und von Demokratie als Staatsform kann man nur über die Weimarer und der Bundes-Republik sprechen, zumindest wenn man die Kriterien der Landeszentrale für politische Bildung B.-W. anlegt.

1848 – ein umstrittenes Geschehen – trotz Wirkung

1848 übernahmen die Paulskirchenabgeordneten mit ihrer Sitzordnung das politische Links-Rechts Schema. Doch bereits im Vorfeld der Frankfurter Nationalversammlung differenzierte sich die bürgerliche Opposition auf. Schon in den 1830er Jahren, im Vormärz, trennte sich die demokratische Bewegung von den Liberalen. Während die Mitglieder der demokratischen Bewegung im Laufe der Monate ab Herbst 1847 immer weniger auf die Parlamente und immer mehr auf die Basisdemokratie bzw. Volkssouveränität setzen, befürworten Teile der Liberalen eine konstitutionelle Monarchie. Entsprechend unterschiedlich sind die Einstellungen zum Thema Gleichheit und Wahlberechtigung. Sie eint jedoch der Wunsch nach einer Verfassung, was sie von den Monarchisten unterscheidet.

Paulskirche 20.05.2023

Genauso politisch ist seitdem auch das Gedenken an das Revolutions-jahr. Je nach politischem Standort und Zeitgeschehen wurden und werden verschiedenen politische Prozesse betont.


Das Erinnern an die Revolution von 1848/49 war in Deutschland stets in starkem Maße politisch geprägt. […] Die starke Bedeutung des politischen Kontextes gilt insbesondere, aber nicht nur für die offizielle Geschichtspolitik, sondern auch für die populare und die professionelle Historiographie. Die Revolution von 1848/49 ließ Mythen entstehen, und diese Mythenbildung setzte bereits 1848 ein und wurde zur Grundlage populärer Traditionsbildungen.

Quelle: Michael Wettengel: Erinnern an die Revolution von 1848/49, In: Braun, B., Engehausen, F., Thelen, S. und R. Weber (Hrsg.): Stuttgart 2023.

So wundert es kaum, dass sich auch die Bewertungen der Rezeptionsgeschichte unterscheiden (vgl. Wettengel, M. (2023), Schmidt, W. (2008), Langwiesche, D. (1999)). Der Versuch dieser Traditionsbildung zu entkommen, wird schwer, daher ist die Leser:in aufgefordert kritisch zu lesen.

Dass es mir nicht allein so geht, kann man bei allen Teilnehmer:innen der Diskussion auf SWR2 „Das Demokratie-Experiment“ Forum erkennen.

Literatur:

  • Langewiesche, Dieter: 1848 – ein Epochenjahr in der deutschen
    Geschichte? In: Geschichte und Gesellschaft : Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft, Volume 25, Issue 4, (1999)
  • Wettengel, Michael: Erinnern an die Revolution von 1848/49, In: Braun, B., Engehausen, F., Thelen, S. und R. Weber (Hrsg.): Demokratie erinnern. Historisch-politische Identitätsbildung im deutschen Südwesten, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2023.
  • Schmidt, Walter: Die Revolution von 1848/49 in der deutschen Geschichtskultur, in: UTOPIE kreativ, H. 216 (2008), S. 925-940.


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